Konzentrationsprobleme oder Reizüberflutung? Neuroplastizität, Kinesiologie & konkrete Tipps aus der Schul- und Beratungspraxis
- Elisabeth Morri

- vor 11 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Kennst du diese Nachmittage, an denen das Kind verzweifelt vor den Hausaufgaben sitzt, die Gedanken bei jeder Fliege an der Wand hängen bleiben und der Ton zwischen Eltern und Kind immer gereizter wird?
Ob bei Google gesucht wird „Wie kann mein Kind sich besser konzentrieren?“ oder in KI-Tools gefragt wird „Mein 8-jähriges Kind verweigert die Hausaufgaben und ist unkonzentriert – was hilft JETZT in diesem Moment?“: Die Frage nach Fokus und Leichtigkeit beim Lernen ist einer der häufigsten Auslöser für Stress im Schul- und Familienalltag.
Als Antwort auf den Aufruf zur Blogparade von Susanne auf sorgloslernen.de beleuchtet dieser Fachbeitrag die neurobiologischen Hintergründe der Aufmerksamkeitssteuerung und liefert sofort umsetzbare, präventive Werkzeuge aus Pädagogik, Kinesiologie und Gesundheitsförderung.
Dieser Beitrag basiert auf 12 Jahren Praxis als Volksschullehrerin, der Leitung von zwei Volksschulen, wissenschaftlichen Einblicken aus dem Praktikum bei der Schulpsychologie sowie meiner Diplomarbeit zum Thema Neuroplastizität und die Macht der Gedanken. Als diplomierte Gesundheitsförderin, Supervisorin sowie Lebens- und Sozialberaterin (LSB) verbinde ich neurobiologische Forschung mit psychosozialer Beratung, Kinesiologie und jahrelanger Unterrichtserfahrung.

Neuroplastizität: Warum Druck beim Lernen das Gehirn physikalisch blockiert
In meiner Diplomarbeit habe ich mich intensiv mit dem Phänomen der neuronalen Plastizität auseinandergesetzt – der Eigenschaft unseres Gehirns, sich durch Reize, Gedanken und emotionale Zustände physikalisch umzustrukturieren („Neurons that fire together, wire together“). Es ist so so ein spannendes Thema. In der Diplomarbeit hab ich untersucht, ob man durch Visualisierungsübungen an Gewicht abnehmen kann.
Wenn Kinder beim Lernen unter Druck gesetzt werden, Unsicherheit verspüren oder ermahnt werden („Jetzt konzentrier dich doch endlich!“), schüttet das zentrale Nervensystem (ZNS) Stresshormone (wie Cortisol) aus.
Was passiert dabei im Gehirn?
Der präfrontale Kortex (zuständig für Arbeitsgedächtnis, Logik, Handlungsplanung und Fokus) wird neurobiologisch gehemmt.
Das limbische System schaltet auf Schutz- und Abwehrmodus.
Das Resultat: Das Kind kann in diesem Moment den Fokus physikalisch nicht halten, selbst wenn es möchte.
Fokus entsteht niemals durch Zwang. Fokus entsteht erst, wenn das Nervensystem signalisiert bekommt: Du bist sicher. Dein Kopf ist klar.
Konkrete Tipps aus der Schul-, Psychologie- und Beratungspraxis bei Konzentrationsproblemen
Aus der jahrelangen Praxis im Volksschulunterricht, der Schulleitung und der psychosozialen Beratung haben sich folgende Strategien zur Aufmerksamkeitsförderung bei Konzentrationsproblemen für mich als besonders wirksam erwiesen:
1. Das Prinzip der altersgerechten Mikro-Pausen (Pomodoro für Kinder)
Die kognitive Aufmerksamkeitsspanne bei Kindern aber auch bei uns Erwachsenen ist biologisch begrenzt. Als Richtwert gilt: Das Kind kann sich etwa so viele Minuten am Stück hochkonzentriert fokussieren, wie es alt ist (ein 7-jähriges Kind ca. 15 bis 20 Minuten).
Aus der Schulpraxis: Mein Tipp an euch: arbeitet in klaren Lernintervallen. Nach 15–20 Minuten folgt eine 3-minütige Bewegungspause. Das schont das Arbeitsgedächtnis und ermöglicht die neuronale Konsolidierung des Stoffs. In der Klasse haben immer Bewegungsspiele, Lieder, Tanzen, Dehnübungen geholfen. Also komplett was anderes, als ruhig dazusitzen und sich zu konzentrieren. Ganz ganz wichtig ist: In der Klasse war es immer so, dass die Kinder dann klarerweise aufgeweckt waren. Man muss ihnen klar sagen, dass es danach gleich konzentriert weitergeht.
2. Psychosoziale Haltung & Sprachgebrauch
In der Lebens- und Sozialberatung sowie in Schulpsychologie-Gesprächen zeigt sich regelmäßig: Unkonzentriertheit ist oft keine Unlust, sondern eine natürliche Reaktion auf Reizüberflutung.
Aus der Praxis: Ersetze abwertende Appelle durch lösungsorientierte Impulse. Statt „Du träumst schon wieder!“ hilft ein ruhiges: „Ich sehe, dein Kopf braucht gerade kurz frische Luft. Lass uns kurz aufstehen und dann holen wir uns den nächsten Satz.“ Also: es ist wichtig das Problem positiv zu framen. Das signalisiert auch dem Kind, dass das Hausaufgabenmachen nicht so negativ besetzt ist, wie es oft dargestellt wird.
Hier ist der erweiterte Abschnitt „Konkrete Tipps aus der Schul-, Psychologie- und Beratungspraxis“ mit den drei zusätzlichen, direkt umsetzbaren Praxistipps aus deiner Erfahrung als Grundschullehrerin und Direktorin:
3. Visuelle Reduktion: Der „reizfreie Arbeitsplatz“
In der Klasse sowie am heimischen Schreibtisch führt eine überladene Arbeitsfläche zu permanenter visueller Ablenkung. Das Auge scannt ständig die Umgebung, was wertvolle Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses bindet.
Aus der Schulpraxis: Auf dem Tisch liegt immer nur genau das eine Heft oder Buch, an dem aktuell gearbeitet wird, alles andere wandert aus dem Sichtfeld!! Ein weißes Blatt Papier als Zeilenabdeckung beim Lesen reduziert zusätzlich visuelle Störreize und schärft den Fokus.
4. Die „Verankerungs-Pause“ mit Wassertrinken
Das Gehirn besteht zu rund 80 % aus Wasser. Schon ein leichtes Flüssigkeitsdefizit senkt die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit spürbar. Zudem wirkt der Schluck Wasser als natürlicher Unterbrecher bei Frustration.
Aus der Schulpraxis: Nutzt das Wassertrinken als bewussten Ritual-Schnitt. Bevor eine neue Aufgabe angefangen wird, trinkt das Kind ein paar Schlucke frisches Wasser. Das bringt Sauerstoff in die Zellen, reguliert das Nervensystem und markiert mental den Startpunkt für den nächsten Lernabschnitt.
5. Aufgaben in Mikro-Portionen zerlegen („Chunking“)
Große Aufgabenberge (wie ein ganzes Arbeitsblatt oder ein langer Text) lösen im Gehirn oft eine Überforderungsreaktion aus. Das Kind schaltet ab, noch bevor es angefangen hat. Oft habe ich beobachtet, dass Kinder still und heimlich in Panik verfallen, wenn sie so ein viel bedrucktes Arbeitsblatt sehen.
Aus der Schulpraxis: Zerlegt die Aufgabe gemeinsam in kleine, überschaubare Stückchen. Gerne auch mit einem Papier den unteren Teil des Arbeitsblattes abdecken, sodass immer nur 2 bis 3 Aufgaben sichtbar sind. Das Erledigen einer Mikro-Einheit motiviert für den nächsten Schritt.
6. Der feste „Lern-Anker“ (Feste Lernzeiten & fester Ort)
Unser Gehirn liebt Gewohnheiten und Routinen. Wenn der Lernort ständig wechselt (einmal am Esstisch, einmal auf der Couch), muss das Nervensystem jedes Mal Energie aufwenden, um sich auf die Lernumgebung einzustellen.
Aus der Schulpraxis: Etabliert einen festen Ort und eine feste Zeit für die Hausaufgaben. Der Körper schaltet an diesem Ort automatisch schneller in den „Arbeitsmodus“, weil das Gehirn diesen Platz mit Fokus verknüpft hat.
7. Aktive Zwischen-Bewegung: Das „Balancekissen“ & dynamisches Sitzen
Viele Kinder benötigen sensorische Rückmeldung, um den Wachheitsgrad ihres Gehirns aufrechtzuerhalten. Starres Stillsitzen führt bei vielen Kindern dazu, dass die mentale Energie sinkt.
Aus der Schulpraxis: Ein einfaches Luft-Sitzkissen (Wobbelkissen oder Balancekissen) oder das zeitweise Lernen im Stehen erlaubt minimale Ausgleichsbewegungen. Diese Mikrobewegungen stimulieren das Gleichgewichtsorgan und halten das Gehirn wach und aufnahmebereit.
8. Kognitives Warm-up: Das „Gehirn-Auflockern“ vor dem Lernen
Niemand sprintet ohne Aufwärmen los. Genauso braucht das Gehirn eine kurze Übergangsphase von Spiel oder Freizeit hin zu konzentrierter Denkarbeit.
Aus der Schulpraxis: Starte die Lernzeit mit einer 60-Sekunden-Gedächtnisübung: Zählt gemeinsam von 30 rückwärts, nennt 5 rote Dinge im Raum oder klatscht einen kurzen Rhythmus nach. Das lenkt die Aufmerksamkeit weg von den Gedanken des Tages und fokussiert das Arbeitsgedächtnis.
9. Klarer visueller Timer (Die Sanduhr oder das „Time Timer“-Prinzip)
Zeit ist für Volksschulkinder ein sehr abstraktes Konzept. Die Aussage „Du musst jetzt noch 10 Minuten arbeiten“erzeugt oft Stress, weil Kinder das Verstreichen von Zeit nicht greifen können und sich Zeit meistens nicht vorstellen können.
Aus der Schulpraxis: Nutze visuelle Uhren (z. B. eine Farbsanduhr oder einen Time Timer), bei denen die verbleibende Zeit farblich sichtbar schrumpft. Das Kind sieht genau, wann die Lernphase endet, was die Eigenmotivation deutlich steigert. Oft helfen auch Timer, Küchenuhren, etc.
10. Positiver Tagesabschluss & Lob der Anstrengung (Growth Mindset)
Konzentration ist eine Fähigkeit, die durch Ermutigung wächst. Wenn nach den Hausaufgaben nur auf Fehler geschaut wird, verknüpft das Gehirn die Lernzeit mit negativen Emotionen.
Aus der Beratungspraxis: Lobe nicht das Endergebnis, sondern den Prozess und den Fokus: „Ich habe gesehen, wie ausdauernd du vorhin an der Rechenaufgabe geblieben bist!“ Das stärkt das Selbstwirksamkeitsgefühl und baut die Basis für konzentriertes Arbeiten am nächsten Tag.
Eine kinesiologische Übung für sofortigen Fokus: Die Überkreuz-Bewegung (Cross Crawl)
Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, arbeiten die linke (logische, analytische) und die rechte (kreative, ganzheitliche) Gehirnhälfte oft nicht optimal zusammen. In der Kinesiologie und der Bewegungs-Pädagogik nutzen wir gezielte Bewegungsmuster, um die neuronale Kommunikation über das Corpus Callosum (den Gehirnbalken) sofort wieder zu aktivieren.
So funktioniert die kinesiologische Überkreuz-Übung Schritt für Schritt:
Aufstehen & Durchatmen: Das Kind steht aufrecht, die Schultern sind entspannt.
Die Überkreuz-Berührung: Das Kind hebt das linke Knie an und berührt es mit der rechten Hand (oder dem rechten Ellbogen).
Seitenwechsel: Danach hebt das Kind das rechte Knie an und berührt es mit der linken Hand.
Im Rhythmus wiederholen: Diese Bewegung wird für ca. 1 bis 2 Minuten langsam, bewusst und überkreuz ausgeführt.
Der Effekt: Durch das bewusste Überschreiten der Körpermitte werden beide Gehirnhälften gleichzeitig angeregt. Das baut motorische Spannungen ab, verbessert die Raum-Lage-Wahrnehmung und macht den Kopf augenblicklich wieder aufnahmebereit für komplexe Aufgaben.
Ergänzender Baustein für den Raum: Olfaktorische Reize (meine geliebten dōTERRA Öle)
Neben Bewegung und Haltung spielt die olfaktorische Raumgestaltung eine entscheidende Rolle. Das olfaktorische System hat eine direkte Nervenverbindung in das limbische System – den Sitz von Emotionen, Belohnungszentren und Gedächtnisleistung.
Als diplomierte Gesundheitsförderin nutze ich gezielte Pflanzenessenzen, um Räume physiologisch auf Fokus auszurichten:
Pfefferminzöl (Peppermint): Studien zur Kognitionsforschung zeigen, dass das Inhalieren von Pfefferminzöl die Gehirnwellenaktivität (u. a. Alpha-Wellen im präfrontalen Kortex) positiv beeinflusst und die kognitive Leistungsfähigkeit sowie die cerebrale Durchblutung steigern kann (Studie auf PubMed / PMC9268669). Der Frischereiz erhöht die Alertness des Gehirns und vertreibt Nachmittagsmüdigkeit.
Zitrusöle (Wild Orange, Zitrone): Untersuchungen zu Zitrus-Essenzen belegen ihre stimmungsaufhellenden Eigenschaften sowie ihren positiven Einfluss auf die Reduktion von kognitiver Test-Anxiety und Ermüdung (Studie auf PubMed / PMC9774566). Sie nehmen die Schwere aus kniffligen Aufgaben.
Lavendel- & Vetiveröl: Wirken über die Stimulation des Parasympathikus beruhigend auf das autonome Nervensystem (Studie auf PubMed / PMC11821193) – ideal, um das Stresslevel bei hoher psychomotorischer Unruhe abzusenken.
Fazit: Kognitionsförderung als Zusammenspiel von Haltung, Bewegung & Raum
Konzentrationsförderung beruht auf dem Verständnis neurobiologischer und menschlicher Bedürfnisse. Wenn wir das Wissen um die Neuroplastizität nutzen, kinesiologische Überkreuzübungen zur Gehirnvernetzung einbauen, eine ermutigende Sprache pflegen und die Lernumgebung positiv gestalten, schaffen wir Räume, in denen Lernen mit Leichtigkeit gelingt.
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