Was mich am Schreiben nervt
- Elisabeth Morri

- 3. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Ein Beitrag zur Blogparade „Was mich am Schreiben nervt“ von Birgit Susemihl (https://www.susemihl-texte.de/blogparade-was-nervt-am-schreiben/).

Hand aufs Herz: Eigentlich liebe ich Sprache.
Ich liebe es, Gedanken fließen zu lassen, Geschichten zu erzählen und Worte so zu wählen, dass sie im Herzen meines Gegenübers etwas bewegen. Und trotzdem gibt es diese Tage, an denen der Cursor auf dem leeren Bildschirm vorwurfsvoll blinkt, der Stift zach in der Hand liegt und ich am liebsten den Laptop zuklappen und ans Meer auswandern würde. ;)
Als mich die Frage von Birgit Susemihl – „Was nervt dich am Schreiben?“ – erreichte, musste ich schmunzeln. Denn als ehemalige Schulleiterin, Volksschullehrerin, PR-Beraterin sowie Lebens- und Sozialberaterin kenne ich dieses Gefühl aus so vielen Blickwinkeln.
In meiner täglichen Arbeit in der Lebensberatung und in meiner Business-Community "Stars By Klio" begegnet mir das Thema Schreiben nervt nämlich überall: Bei den 6-jährigen Schulanfängern, deren kleine Finger schon in der ersten Zeile verkrampfen, bei Müttern, die beim Schreiben einer einfachen Mitteilung im Mitteilungsheft vor Erschöpfung stöhnen, und bei Selbstständigen, die vor ihrem eigenen Blogbeitrag sitzen und an ihren Worten zweifeln und herumfeilen.
Der Aufruf von Birgit ist eine wunderschöne Einladung, ehrlich zu sein: Warum blockieren wir beim Schreiben – und wie finden wir die Freude am Ausdruck wieder zurück?
Die Magie und die Mühe der 1. Klasse Volksschule
Um zu verstehen, warum uns das Schreiben als Erwachsene manchmal den letzten Nerv raubt, reise ich gedanklich so gerne zurück an den Ursprung: in die 1. Klasse Volksschule.
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Schultag? Wenn die kleinen Taferlklassler stolz mit ihrer Schultüte in die Klasse kommen (die Schultüten sind meistens größer als sie^^), ist die Vorfreude riesengroß. Sie wollen endlich „wie die Großen“ schreiben können! Aber aus meinen 12 Jahren Unterrichtspraxis und der Leitung von zwei Volksschulen weiß ich, was in den kleinen Köpfen und Händen in diesem Moment wirklich passiert.
Schreibenlernen ist keine Kleinigkeit. Es ist ein riesiger Entwicklungs-Marathon:
Die Hände lernen erst noch: Die feine Muskulatur der Kinderhand muss sich an den Bleistift gewöhnen. In den ersten Monaten drückt fast jedes Kind viel zu fest auf. Die Minen brechen ab, die Hand tut weh, und der erste Frust steigt auf.
Die Buchstaben tanzen: Buchstaben wie b und d oder p und q schauen für ein 6-jähriges Gehirn oft völlig identisch aus. Sie werden gedreht und gespiegelt – was völlig normal ist, aber die Kinder manchmal verzweifeln lässt.
Der Bewegungsdrang: Ein Taferlklassler möchte rennen, springen und die Welt entdecken. Still am Sitzplatz zu sitzen und feine Schwünge ins Heft zu zeichnen, erfordert eine unglaubliche Selbstbeherrschung.
Wann fängt Schreiben bei dir an zu nerven?
Wenn der innere Kritiker alles bewertet 🤯
Bei Verkrampfung & fehlendem Fluss ✍️
Wenn ich fremde Erwartungen erfüllen will 🎭
Ich habe den Druck komplett rausgenommen 🌿
Die Wende: Wenn aus Vorfreude der erste Leistungsdruck wird
In den ersten Monaten der 1. Klasse gibt es diesen magischen Moment der phonetischen Umschrift. Die Kinder schreiben einfach genau das auf, was sie hören: „Oma feirt Gebrtsag“. Für mich als Pädagogin war das immer der schönste Meilenstein überhaupt! Es war purer Ausdruck. Mutig, unperfekt und voller Freude.
Doch dann kommt der Punkt, an dem die Korrekturen, uuuur viele Rechtschreibregeln und Zeilenabstände den Raum einnehmen. Der Fokus kippt unbemerkt von „Ich teile meine Welt mit“ hin zu „Ich muss aufpassen, dass ich keinen Fehler mache“.
Genau hier pflanzt sich bei vielen von uns zum ersten Mal der leise Satz in den Kopf: „Schreiben ist anstrengend. Ich kann das nicht schön genug.“
Wie wir Erwachsene die Muster der Erstklässler reaktivieren
Wenn wir heute als Erwachsene vor einer leeren Seite sitzen und genervt merken, dass kein Satz gelingen will, passiert im Grunde genau dasselbe wie damals in der Volksschule. Mir ist es fast meine ganze Schulzeit so gegangen.
Unser innerer Kritiker schaltet sich ein (vgl. Beck, 1979). Wir verlangen von uns selbst, dass der erste Entwurf schon perfekt, geschliffen und hochgestochen klingt. Wir wollen dem Anspruch von außen genügen... und genau in diesem Moment macht der Kopf dicht.
Neurobiologisch bedeutet dieser innere Druck nichts anderes als Stress. Wenn das Nervensystem auf Alarm schaltet, wird der präfrontale Kortex – unser Zentrum für Kreativität und Wortfindung – gedimmt (vgl. Arnsten, 2009). Die Folge: Wir verkrampfen körperlich (genau wie die Erstklässler mit ihrem Bleistift) und das Schreiben fühlt sich nur noch mühsam an.
Was MICH am Schreiben nervt und wie ich mich selbst daraus befreie
Ich bin da ganz ehrlich mit dir: Mich nervt Schreiben immer genau dann, wenn ich versuche, eine Rolle zu spielen. Wenn ich denke, ich muss besonders hochgestochen oder „expertig“ klingen, statt einfach so zu schreiben, wie ich mit einer lieben Klientin in meiner Praxis sprechen würde.
Sobald ich merke, dass der Schreibfrust hochkriecht, nutze ich meine liebsten Werkzeuge aus der Pädagogik und der Beratung:
1. Zurück zur "Fehler-Erlaubnis" (Der wilde Erstentwurf)
Ich mache es genau wie die Schulanfänger in der Mitte der 1. Klasse: Ich schreibe einfach drauf los! Ohne auf Grammatik, Beistriche oder schöne Formulierungen zu achten. Ich erlaube mir einen richtig schlechten Erstentwurf. Glattschleifen kann ich später, der erste Schritt gehört der puren Gedankenfreiheit.
2. Schüttel die Hände aus!
Wenn Erstklässler beim Schreiben verkrampfen, lassen wir sie nicht weiterstieren. Wir stehen auf, schütteln die Hände aus, machen kleine Fingerspiele und atmen durch. Genau das tue ich heute am Laptop auch! Wenn nichts mehr geht: Aufstehen, Glas Wasser trinken, ein Tropfen frisches Zitronen- oder Pfefferminzöl in den Händen verreiben, tief durchatmen und den Körper wieder spüren.
3. Mach den Schreibtisch frei
Ein Erstklässler braucht einen leeren Tisch, um nicht abgelenkt zu werden. Mein Erwachsenen-Gehirn braucht genau dasselbe! Browser-Tabs zu, Handy weglegen (am besten in einen anderen Raum) und den visuellen Ballast reduzieren. Manchmal hilft es auch, den Laptop zuzuklappen und die ersten Ideen wieder ganz altmodisch mit der Hand in ein schönes Notizbuch zu schreiben.
PS: Ich finde es richtig cool, wenn so geschrieben wird, wie man spricht. Nur Mut!
Mein Fazit: Schreiben darf wieder leicht sein
Ob als 6-jähriges Kind am Sitzplatz in der Volksschule oder als erwachsene Frau am Schreibtisch: Dass das Schreiben manchmal nervt, ist kein Zeichen dafür, dass du es nicht kannst. Es ist meistens nur ein liebevoller Hinweiszettel deines Körpers, dass der Druck gerade zu hoch ist.
Wenn wir uns erlauben, den Perfektionismus loszulassen, die Hände auszuschütteln und in unserer ganz eigenen, echten Stimme zu sprechen, wird das Schreiben wieder zu dem, was es von Anfang an war: eine wunderschöne Brücke von Herz zu Herz.
Danke an Birgit Susemihl von Susemihl Texte & Lektorat für diese ehrliche Blogparade!
Quellenverzeichnis:
Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
Beck, A. T. (1979). Cognitive therapy of depression. Guilford Press.


Liebe Elisabeth,
ich habe mich sofort hineinversetzt gefühlt in diese Klasse junger Schreibkünstler. Und ja, mir geht es auch manchmal so, dass ich verkrampfe - immer dann, wenn zu viele Gedanken gleichzeitig aufs Papier wollen. Mir helfen dann immer Bleistift und Papier. Das ist für mich die entspannendste Art des Schreibens.
Viele Grüße,
Christina | Stimme für Pause