Lebensberatung Pause erlauben: Wann ist Erholung ohne schlechtes Gewissen erlaubt?
- Elisabeth Morri

- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ein Beitrag zur Blogparade „Wann ist Pause erlaubt?“ von Dein Körper – Dein Weg (https://deinkoerper-deinweg.de/blogparade-wann-ist-pause-erlaubt/).
Wann ist eine Pause eigentlich erlaubt?
Erst wenn das letzte To-do abgehakt ist? Wenn der Akku auf null Prozent steht und der Körper die Notbremse zieht? Oder dürfen wir uns bereits dann erholen, wenn wir spüren, dass die Energiereserven langsam zur Neige gehen?
Wenn ich die Augen schließe und an die vielen Gespräche in meiner Praxis denke, taucht diese Frage immer wieder in den unterschiedlichsten Formen auf. In einer Leistungsgesellschaft, die Daueraktivität belohnt und Ruhemomente oft fälschlicherweise als Faulheit deklariert, ist das Erlauben von Erholung für viele Menschen zu einer echten Herausforderung geworden. Genau das ist mir unglaublich auf die Nerven gegangen und ich hab es dann sogar selbst geändert.
In meiner täglichen Arbeit in der Lebensberatung ist das Thema Pause erlauben ein zentraler Schlüsselfaktor. Es geht darum, das ständige Verlangen nach Funktionieren zu hinterfragen und die eigenen physischen sowie psychischen Grenzen wieder liebevoll zu wahren.
Als ehemalige Schulleiterin und diplomierte Lebens- und Sozialberaterin begleite ich täglich Frauen, Fachkräfte und Selbstständige. Mein Ziel ist es, aus dem ständigen hamsterradartigen Zustand des „Ich muss noch schnell…“ herauszufinden und eine gesunde Haltung zur eigenen Regeneration aufzubauen.
Die Blogparade von Dein Körper – Dein Weg der lieben Christina greift ein Thema auf, das mir tief am Herzen liegt. Es ist Zeit, Erholung nicht mehr als Belohnung nach der Erschöpfung zu betrachten, sondern als fundamentale Voraussetzung für ein gesundes, lebendiges Leben.

Die Psychologie der Dauerbelastung: Warum fällt uns das Ruhegeben so schwer?
Aus psychologischer Sicht ist die Unfähigkeit, sich Pausen zu erlauben, selten ein Problem des Zeitmanagements. Vielmehr liegt die Ursache in tief verankerten Glaubenssätzen und inneren Antreibern (vgl. Taibi Kahler, 1975). Sätze wie „Sei perfekt!“, „Mach es allen recht!“ oder „Stell dich nicht so an!“ prägen unser Verhalten oft seit der frühen Kindheit. Wer kennts nicht?!
In der Lebens- und Sozialberatung beobachten wir, dass viele Menschen Erholung an Bedingungen knüpfen. Die Pause muss „verdient“ werden. Wer pausiert, bevor die Arbeit vollständig erledigt ist, kämpft mit schlechtem Gewissen und innerer Unruhe.
Neurobiologisch führt dieser permanente innere Druck zu einer chronischen Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse) und einer dauerhaften Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol (vgl. Lupien et al., 2009).
Der Körper befindet sich im Dauer-Sympathikotonus – einem Zustand der Flucht- oder Kampfbereitschaft. Wer in diesem Modus verharrt, verliert zunehmend den Zugang zum eigenen Körpergefühl und übersieht die feinen Warnsignale des Organismus, bis die Erschöpfung erzwungen wird.
Wie uns Lebensberatung neue Erlaubnisräume eröffnet
Das Wort „Erlaubnis“ impliziert, dass wir auf eine Äußere Instanz warten, die uns das Recht auf Ruhe zugesteht. In der Lebens- und Sozialberatung arbeiten wir daran, diese Erlaubnis von außen nach innen zu verlagern.
Eine Pause ist kein Zugeständnis an Schwäche, sondern ein Akt der Selbstachtung und der aktiven Gesundheitsförderung.
Hier sind drei wesentliche Ebenen, auf denen wir in der Praxis das Thema Regeneration neu ausrichten:
1. Die physische Ebene: Signale des Körpers wieder entschlüsseln
Unser Körper kommuniziert ununterbrochen mit uns. Bevor eine emotionale oder körperliche Erschöpfung eintritt, schickt das Nervensystem feine Mikrosignale:
Nackenspannung und flacher Atem
Nachlassende Konzentration und erhöhte Reizbarkeit
Das Gefühl von innerer Unruhe trotz Müdigkeit
In der Beratung unterstütze ich Klienten dabei, diese Signale nicht mehr zu übergehen oder wegzuorganisieren, sondern als wertvolle Navigationshilfe zu nutzen. Erholung beginnt genau in dem Moment, in dem wir das erste Signal wahrnehmen und ihm Raum geben.
2. Die mentale Ebene: Den inneren Kritiker neu ausrichten
Das schlechte Gewissen während einer Pause wird vom sogenannten „inneren Kritiker“ gespeist. Wenn wir uns hinsetzen, flüstert die innere Stimme sofort: „Du solltest eigentlich lieber die Wäsche machen / die E-Mails beantworten / für die Prüfung lernen.“
Durch die Rekonstruktion von Denkmustern im Beratungsprozess (vgl. Beck, 1979) lernen Klienten, diesen Stimmen ein klares Limit zu setzen. Eine Pause wird gedanklich neu bewertet: Nicht als Produktivitätsverlust, sondern als gezieltes Schaffen von neuem Fokus und neuer Leistungsfähigkeit.
3. Die emotionale Ebene: Selbstwirksamkeit statt Erschöpfungszwang
Ein ganz besonderer Wendepunkt in der Beratung ist der Übergang von der fremdbestimmten Erschöpfung hin zur selbstbestimmten Regeneration (vgl. Deci & Ryan, 2000).
Wenn eine Mutter erkennt, dass ein 10-minütiger Spaziergang ohne Smartphone keine Vernachlässigung der Familie ist, sondern das Fundament für ihre eigene Geduld und Präsenz bildet, verändert sich das gesamte Familiensystem. Das Setzen von klaren Grenzen nach außen schafft den Raum, den wir im Inneren für Erholung brauchen.
Was passiert neurobiologisch, wenn wir pausieren?
Eine Pause ist im Gehirn keineswegs ein Stillstand. Im Gegenteil: Wenn wir die gezielte Aufgabenbewältigung unterbrechen und in einen Zustand der Entspannung übergehen, aktiviert das Gehirn das sogenannte Default Mode Network (DMN) (vgl. Raichle et al., 2001).
Das DMN ist verantwortlich für:
Die Konsolidierung von Erinnerungen und Erlerntem
Das Knüpfen kreativer Verbindungen und Problemlösungen
Die emotionale Selbstregulation und Selbstreflexion
Zudem aktiviert gezielte Entspannung den ventralen Vagusnerv (vgl. Porges, 2011), was die Herzfrequenz senkt, den Blutdruck reguliert und regenerative Prozesse im gesamten Körper einleitet. Pausen machen uns also nicht unproduktiv, sie machen uns überhaupt erst nachhaltig denk- und handlungsfähig.
Wie fühlt sich eine echte, erlaubte Pause an?
Eine Erholung ohne schlechtes Gewissen lässt sich an ganz konkreten körperlichen Merkmalen festmachen:
Die Schultern sinken: Die unbewusste Grundspannung im Nacken- und Schulterbereich lässt nach.
Der Atem wird tief: Die Atmung fließt mühelos in den Bauchraum, ohne ins Stocken zu geraten.
Der Geist wird ruhig: Die Gedanken rasen nicht mehr zum nächsten To-do, sondern verweilen im aktuellen Augenblick.
Gefühl von Erlaubnis: Der Körper entspannt sich in dem Wissen: „Ich darf jetzt einfach nur sein.“
Mein psychosozialer Impuls für dich: Die Antwort auf die Frage
Wann ist eine Pause erlaubt?
Die Antwort lautet: Jetzt. Immer. Bedingungslos.
Du musst dir deine Existenzberechtigung nicht durch ständiges Funktionieren erarbeiten. Du musst nicht erst krank oder erschöpft sein, um dich auszuruhen. Die Pause ist ab genau dem Moment erlaubt, in dem du spürst, dass dein System nach
Durchatmen verlangt.
Fange heute klein an:
Schließe für zwei Minuten die Augen zwischen zwei Aufgaben.
Trinke dein Getränk am Morgen ganz bewusst, ohne parallel aufs Handy zu schauen.
Sage einmal liebevoll „Nein“ zu einer Bitte von außen, um „Ja“ zu deiner eigenen Erholung zu sagen.
Und jetzt bin ich gespannt wie du es so handhabst:
Gönnst du dir regelmäßig Pausen im Alltag?
Ja, ganz ohne schlechtes Gewissen! ☕
Erst, wenn gar nichts mehr geht 🪫
Nur mit schlechtem Gewissen im Hinterkopf 🙈
Was ist eine Pause? Mein Tag hat 24h To-dos 🏃♀️
Quellenverzeichnis:
Beck, A. T. (1979). Cognitive therapy of depression. Guilford Press.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01
Kahler, T. (1975). Drivers: The key to the process of transaction analysis. Transactional Analysis Journal, 5(3), 280–284. https://doi.org/10.1177/036215377500500318
Lupien, S. J., Juster, R. P., Raymond, C., & Marin, M. F. (2009). Effects of stress throughout the lifespan on the brain, behaviour and cognition. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 434–445. https://doi.org/10.1038/nrn2639
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company.
Raichle, M. E., MacLeod, A. M., Snyder, A. Z., Powers, W. J., Gusnard, D. A., & Shulman, G. L. (2001). A default mode of brain function. Proceedings of the National Academy of Sciences, 98(2), 676–682. https://doi.org/10.1073/pnas.98.2.676


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